In anderen Zeiten haben Deutsche etwa "das Land der Griechen mit der Seele" gesucht. Vorbei! Jetzt also die Suche nach der "deutschen Seele"? Solche Kollektivklischees funktionieren immer noch, deswegen werden darüber Bücher geschrieben, verlegt und gut verkauft. Misstrauen ist also Pflicht bei einem solch spekulativ betitelten Buch, über das ausgerechnet Martin Walser Lobendes geäußert hat. Es sei, sagt der Waschzettel, "eine Reise zu den Wurzeln unseres nationalen Erbes." Grauenhaft! Wurzeln, unsere, national. Weg mit dem Buch? Oder doch erst lesen, was der Deutschrumäne Richard Wagner und die TV-Frau Thea Dorn unternommen haben, Deutschland & die Deutschen zu retten. Die Dorn-Wagnersche Begriffstopographie steuert in kurzen, prägnanten Essays "typische" Reizworte an, die Deutsches signalisieren wollen: "Bierdurst, Kindergarten, Weihnachtsmarkt, Fußball, Heimat, Jugendherberge", aber auch "German Angst Zerrissenheit, Sehnsucht" und natürlich: Gemütlichkeit. Zu diesem teutonischen Urbegriff freilich zitieren sie den erfrischenden Satiriker Karl Kraus: "Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Straßenspülung ... Warmwasserleitung. Gemütlich bin ich selbst" (Wien, 1912). Thea Dorn, Richard Wagner, "Die deutsche Seele", Knaus Verlag 2011, 560 Seiten, mit ca. 300 Abb.
"Möbel zu Hause ... "
von Klaus Bittermann
Die RAF ist zurück in Kreuzberg. Nur steht die Abkürzung heute für Rest-Alkohol-Fraktion. Die lungert vor "Getränke Hoffmann" herum, nennt Rhön-Sprudel-Käufer "Aquaholiker" und gibt Bonmots wie "Möbel zu Hause, aber kein Geld für Alkohol" von sich. Klaus Bittermann zog Anfang der 70er Jahre von Kulmbach in die Noris, um an der Universität Erlangen-Nürnberg Philosophie, Soziologie und Politologie zu studieren. Seit 1979 betreibt er die "Edition Tiamat". Zuerst in Nürnberg, später dann in Berlin. Bittermann erzählt hier Story-Miniaturen aus Kreuzberg & Co. Dies macht er unterhaltsam, albern und hochgradig selbstverliebt. Man erfährt, dass Ex-Kommunarde Kunzelmann mittlerweile mit einem rutschenden Gebiss zu kämpfen hat. Dass Harry Rowohlt immer "Nasenpopler" plärrt, wenn Jogi Löw im Fernsehen auftaucht. Hört von mit Testosteron aufgeladenen türkischen Jugendlichen, einem torkelnden Leander Hausmann und vom Untergang des Kapitalismus. Klaus Bittermann, "Möbel zu Hause, aber kein Geld für Alkohol", Edition Tiamat, 192 Seiten, 14 Euro
MordsLust im Februar
Neue Thriller & Krimis rezensiert von Thomas Wörtche
Neben Fantastrillionen nutzloser Serienfiguren, die die Kriminalliteratur immer mehr verstopfen, gibt es auch ein paar sinnvolle, auf Serie angelegte Projekte. Dazu gehören die großartigen Jack-Reacher-Romane von Lee Child. Nummer elf ist gerade auf Deutsch erschienen: "Outlaw" (Blanvalet). Wie so oft ist der O-Titel "Nothing to lose" treffender, denn der durchs Land vagabundierende Ex-Militärpolizist mit der auf- und abgeklärten Vigilantenmentalität hat nicht viel zu verlieren. ... Sehr literarisch auch der letzte Teil der hübschen Forsythe-Trilogie von Adrian McKinty: "Todestag" (Suhrkamp). Auch hier vermasselt der deutsche Titel die Pointe - das Buch heißt "Bloomsday Dead" und ist eine Hommage an den 16. Juni 1904, an dem der "Ulysses" von James Joyce spielt. Selbst die Kapitel tragen die Namen der entsprechenden Ulysses-Kapitel, auch wenn der Roman - irische Scherze - nur zu geringeren Teilen in Dublin und ansonsten in Belfast angesiedelt ist. Der belesene Gangster Michael Forsythe muss ein letztes Mal aufräumen, und das tut er wie immer sehr robust ...