| Intelligente Verschwendung ist das Ziel
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Interview mit Michael Braungart
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plärrer: Sie kritisieren das Recycling von Produkten als Scheinlösungen.
Warum?
Braungart: Nehmen Sie Fensterrahmen aus PCV: Werden diese für neue
Rahmen wieder verwendet, dann werden das darin enthaltene Cadmium
und andere Schwermetalle in die neuen Rahmen verteilt. Diese Produkte
gelangen dann wieder in die Häuser der Menschen.
plärrer: Sollen die Länder, die Recycling perfektionieren, wie etwa
Deutschland, Recycling einstellen?
Braungart: Wenn man das Falsche perfekt macht, dann macht man es
perfekt falsch.
plärrer: Was heißt das?
Braungart: Bei der Rückgewinnung von Papier werden inzwischen nur die
Fasern recycelt. Das heißt, man erhält beim Recycling von zwei Tonnen
Altpapier etwa 1,2 Tonnen Abfall. Außerdem sind die im Papier enthaltenen
Bleichmittel, Druckfarben und anderen Stoffe nicht für die Wiedergewinnung
gemacht, weshalb zum Beispiel ein 100 Prozent recyceltes Klopapier
das Wasser enorm verschmutzt. Das muss wieder gereinigt werden.
Das Papierrecycling ist Downcycling, das man stoppen sollte, weil man
damit Illusionen schafft.
plärrer: Ist eine Produktion, die ihre Stoffkreisläufe ohne Abfall und
Energieverluste in die Natur integriert denkbar oder muss die (heute
existierende) verbrauchende Produktion komplementär dazu gedacht
werden?
Braungart: Wer in den Kategorien der Abfallvermeidung denkt, denkt immer
noch in den Kategorien von Abfall. Wir müssen dazu kommen, dass
wir Produkte so denken und produzieren, dass sie kein Abfall sind.
plärrer: Wie soll das funktionieren?
Braungart: Produkte müssen so gestaltet werden, dass sie ohne Rückstände
in den biologischen Kreislauf wieder zurückkehren. Wir müssen von der
Natur lernen, die keinen Abfall kennt. Das gilt für die Dinge, die wir konsumieren
– Schuhe, Waschmittel etc. –, die nach dem Gebrauch wieder zu
Nährstoffen für den Boden werden müssen. Technische Güter müssen
vollständig wieder verwertet werden.
plärrer: Sie haben für den Airbus A 380 Sitzbezüge entwickelt, die
komplett in den Stoffkreislauf wieder eingespeist werden können. In
welchen Zeiträumen denken Sie bei der Umsetzung des »cradle-tocradle-
Konzepts« beim restlichen A 380?
Braungart: Grundsätzlich sind diese Bezüge auch für andere Stühle benutzbar.
Wir haben sie aber für Flugzeuge entwickelt, weil die Innenluft in
Flugzeugen für die Passagiere von großer Bedeutung ist. Der Abrieb derStoffe, die in den meisten Flugzeugen benutzt werden, werden von den
Passagieren eingeatmet. Danach werden die Bezüge als Sondermüll entsorgt.
Deswegen haben wir Stoffe ausgesucht, die zu 100 Prozent in den
Stoffkreislauf zurückführbar sind und die Innenraumluft im Flugzeug nicht
belasten, ja sogar verbessern.
plärrer: Und könnten wir den Bezug am Schluss essen?
Braungart (lacht): Sie wären auch essbar, aber es ist besser sie nach dem
Gebrauch zum Beispiel in Treibhäusern zur Bodenverbesserung zu benutzen.
plärrer: Und wann kommen die restlichen Flugzeugteile dran?
Braungart: Wir wollten damit beweisen, dass man in einem Hightech-
Produkt solche Produkte einsetzen kann, ohne dass ein Qualitätsverlust zu
erwarten ist. Das hat nichts damit zu tun, ob ein Flugzeug ein sinnvolles
Transportmittel ist oder nicht.
plärrer: In Ihrem Konzept fordern Sie Konsumenten auf, keine Verbraucher
mehr zu sein, sondern »Gebraucher«. Was bedeutet das für
einen Konsumenten heute?
Braungart: Es ist schon heute möglich, sich Fenster beim Hersteller fürs
»Durchschauen« zu leihen. Sagen wir fürs Durchschauen für 20 Jahre. Danach
geben Sie es dem Hersteller zur vollständigen Wiederverwertung
wieder zurück. Das macht zum Beispiel die Firma Schüco.
plärrer: Wird das Fenster dadurch nicht teurer?
Braungart: Der Kunde kauft nur die Nutzung des Fensters, das Produkt
bleibt im Eigentum des Herstellers. Der Hersteller wird zur »Rohstoff-Bank«
und kann die besten Materialien verwenden. Das gilt auch für Fernseher,
Autos oder Waschmaschinen, die wir ja nur nutzen und nicht verbrauchen.
plärrer: Sie fordern den Konsumenten ohne schlechtes Gewissen. Behindert
das nicht zum Beispiel die Bemühungen, die Klimaerwärmung
zu reduzieren?
Braungart: Man muss begreifen, das etwas weniger schädlich noch lange
nicht nützlich ist. Wir verstehen unter Klimaschutz, dass wir ein bisschen
weniger CO2 in die Luft blasen. Deshalb müssen wir dazu kommen, dass die
Unternehmen nicht nur weniger Energie verbrauchen oder gar CO2-neutral
sein wollen. Aus den Fabriken muss zum Beispiel nicht nur geklärtes Wasser
in unsere Flüsse fließen, es muss sauberer sein, als es entnommen wurde.
Intelligente Verschwendung ist das Ziel. Es geht also nicht darum, den
menschlichen Fußabdruck zu minimieren, sondern einen großen Fußabdruck
zu hinterlassen. Dadurch wären Menschen keine Bürde mehr für die
Erde, sondern wir schaffen wiederum Lebensmöglichkeiten für Tiere und
die Umwelt.
Interview: Rainer Büschel

http://www.braungart.com/
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